Noxon iRadio300: Verbindung unterbrochen

Noxon iRadio300: Verbindung unterbrochen

Ort/Quelle
Bonn/rh

Die Firma Terratec, respektive die aus ihr hervorgegangene Firma Noxon, darf sich auf die Fahne schreiben, das WLAN-Internetradio in Deutschland salonfähig gemacht zu haben. Mit den iRadio 300 präsentiert Noxon sein aktuelles Einstiegsmodell. Taugt es wieder zur Klassenreferenz?

Als wird 2006 den unscheinbaren Stereoanlagen-Adapter Noxon 1 testeten, kündigte sich eine Revolution an: Tausende von Radioprogramme ließen sich einfach so auf Knopfdruck empfangen. Das Nachfolgegerät, das Noxon2 Audio hat bis heute einen Stammplatz in der reinHÖREN-Redaktion. Da mögen neue Modelle flüssiger in der Bedienung erscheinen, doch das Noxon2 erlaubt das Einpflegen neuer Stationen über ein PC-Bedieninterface. In Zeiten, in denen immer wieder Diskussionen um die wirtschaftliche Standfestigkeit der fest voreingestellten Senderdatenbanken entflammen, ein unschätzbarer Vorteil.

Einen Vorteil, den auch das iRadio300 über die installierbare Software Noxon-Connect eigentlich zu bieten vermag. Im Programmmenü wird man zur Online-Registrierung im Web mit MAC-Geräteadresse und Sicherheitscode aufgefordert.

Auf der My-Noxon-Webseite wird einem erklärt, dass sich Besitzer der neuen Radiomodelle wie eben dem iRadio300 die Steuersoftware herunterladen sollen. Noch ist diese Software im Beta-Stadium. Bei uns schlug der Versuch einer Anmeldung prompt fehl: Nutzer oder Passwort unbekannt erklärt die Fehlermeldung.

Kein Leben ohne Dot-Net?

Ohne Noxon-Connect lassen sich weder eigene Favoriten-Ordner noch eigene Stream-Adressen anlegen. Richtigerweise hätte die Fehlermeldung erklären sollen, dass die Online-Verbindungsaufnahme scheiterte, weil auf diesem Rechner das „Microsoft .NET“-Framework, das große Bibliotheken für Online-Datenbankanwendungen enthält, nicht installiert war. Viele Client-Server-Applikationen stützen sich inzwischen auf die Dot-Net-Architektur und doch ist das Net-Framework nicht „serienmäßig“ in Windows XP, Vista oder Windows 7 enthalten. Dieses 50 MB große Paket kann kostenlos bei Microsoft heruntergeladen werden.

Nicht nur der Download, auch der Installationsprozess braucht eine ganze Weile. Genutzt hatte uns diese zeitliche Investition wenig. Die Beta-Version von Noxon-Connect verweigerte unter Windows 7 standhaft, einen Account anzulegen, sich bei einem neuen Nutzerkonto anzumelden oder sonstige sinngebende Funktionen auszuführen. Das überrascht schon ein wenig, denn die neue iRadio-Reihe von Noxon ist nun ja schon etliche Monate im Handel. Bei der Verwaltungssoftware ist man über eine hemdsärmelig gestrickte Beta-Version 1.0.0 noch nicht hinaus gekommen?

Unverschlüsselt und hilflos

Wir probierten einen anderen Rechner aus und installierten Noxon-Connect erneut unter Windows 7 (32-Bit). Die Software ließ sich nicht einrichten. Wir haben uns die durch Noxon-Connect geführten Verbindungen angesehen. Was wir gesehen haben, gefiel uns nicht: Wir konnten auslesen, dass der Login-Dialog unser Passwort unverschlüsselt versendet. Eine Antwort von noxonserver.eu bekamen wir allerdings nicht. Wir wiederholten die Prozedur in einer virtuellen Maschine unter Windows XP. Hier erkannte die Installationsroutine immerhin das fehlende NET-Framework. Im Endergebnis waren unsere Anmeldeversuche unter XP ebenfalls nicht von Erfolg gekrönt. Eine Service-Hotline bietet Noxon nicht an. Man muss schon das Wort „Support“ in die Webseitensuchmaske eingeben, um auf die Terratec-Supportseite zu gelangen. Nun hätten wir als Pressevertreter sicherlich einen direkten Draht zu Noxon aufbauen können, doch wir gingen den gleichen Weg wie die gewöhnlichen Kunden und schilderten die Probleme mit Noxon-Connect. Eine Antwort hierzu wurde uns in den zurückliegenden vier Wochen nicht zu Teil. Schlechter geht es nicht.

Ganz gleich, welche Ursache unseren Totalausfall auslöst: Etwas derart unfertiges kann man seinen Kunden nicht anbieten. Noxon-Connect gibt es zudem nur für Windows. Linux- und Mac-Benutzer haben ohnehin keine Chance. Eigentlich gäbe es neben der VTuner-Datenbank auch Dienste wie Laut.fm, Aupeo, MP3Tunes, Besonic, Musikload, Napster, Deutsche Welle oder Classical.com zu entdecken. Bei den alten Modellen reichte die Registrierung auf der My-Noxon.net-Webseite, um diese Dienste zu aktivieren. Mit den neuen iRadios ist das nun nicht mehr möglich. Ob sich diese Dienste über Noxon-Connect aktivieren lassen, bleibt uns völlig unklar. Die Bedienungsanleitung von Noxon-Connect schweigt sich über diese Dienste jedenfalls aus.

Noxon-Connect wird zudem weder im Online-Prospekt, noch auf der Verkaufsverpackung erwähnt. Somit ist die Software nicht mehr als eine völlig unverbindliche Zugabe des Herstellers. Auf eine nicht funktionierende Verbindungssoftware wird man sich bei einer Reklamation kaum berufen können, weil sie nicht zum Standard-Lieferumfang gehört.

Eigentlich ein schönes Radio

Die Softwarefrust überschattet dabei die unbestreitbaren Qualitäten der Hardware. Zum Beispiel beweist das iRadio 300 durchaus Sinn für Ästhetik. Trotz konventioneller Schuhkartonbauweise gelingt es dem iRadio 300 durch das sich um Front- und Deckenplatte schmiegendes Bedienfeld und sparsam gesetzte metallische Akzente, Eindruck zu schinden. Die Verarbeitung ist eigentlich recht gut, aber noch nicht ganz perfekt. Ungenau passende Gehäuseverschalungen und die nicht fest eingerastete Netzkabelbuchse gehen dabei garantiert auf das Konto eines neugierigen Pressekollegen, der das Gerät auseinander geschraubt hat. Einige Klebstoffreste an der linken Gehäusewange zeigen hier noch etwas Verbesserungspotenzial im Detail.

Während das obere Tastenfeld für die Musiktitel-Steuerung und die Stationstasten reserviert ist, wird die Hauptlast der Bedienung über einen soliden Drehregler mit Druckfunktion zur Auslösung von Bedienoperationen abgewickelt. Der aus dem metallischen Ring entspringende Taster übernimmt die Funktion einer Zurück-Taste. In der Praxis geht die Bedienung mit diesen Elementen angenehm flüssig von der Hand. Die schlichte, flache Fernbedienung wiederholt die Designakzente des Gerätes und überzeugt mit straffem Tastenhub.

Nur gut, dass die Bedienung so flink reagiert, denn das iRadio bringt einiges an Menütiefe mit sich. Da rennt man schon einmal in die falsche Richtung los, kann aber schnell eine Kehrtwende in Menübaum machen.

Das Innenleben wird im Übrigen von einem Venice-6.2-Chipsatz der Firma Frontier-Silicon geprägt. Der Chipsatz taugt eigentlich zum Aufbau von UKW-DABplus-Kombitunern. Das wurde beim iRadio 300 jedoch nicht realisiert. Dafür notieren wir erfreut, dass es endlich ein Internetradio mit Venice-Chipsatz gibt, bei dem das Auslesen des gerade gespielten Titels tadellos funktioniert.

Die Stationsdatenbank und das Podcast-Verzeichnis stammen von vTuner. Noxon gibt 14.000 Stationen an. Sortiert im Standard nach Kontinenten und Ländern. Um in prallen Senderlisten schneller ans Ziel zu gelangen, kann auf Länderebene noch das Genre gefiltert werden. Auch eine alphanumerische Suche gibt es, die aber durch die umständliche Buchstabenauswahl sicher nicht oft zum Einsatz kommen wird.

Ausstattungs-Normalo

Die Ausstattungsliste ist nicht extravagant. Einen digitalen Audioausgang gibt es nicht. Der Dienst an der Stereoanlage wird an den großen Noxon-Tuner A540 verwiesen. Auch einen Line-in gibt es nicht. Ein Line-out, einen Kopfhöreranschluss und die Anschlussbuchse für einen Beistelllautsprecher müssen genügen. Eine Ethernetbuchse zum Routeranschluss mit fester Verdrahtung ist allerdings vorhanden. Das WLAN-Modul verbindet sich mit schnellen N-Routern und unterstützt das moderne WiFi-Protected-Setup. Bei den Audioformaten versteht das kleine Noxon nur das Nötigste: MP3, WMA (auch DRM 10 geschütztes Musikmaterial) AAC und AAC+ bis maximal 320 kBit/s und bis zu einer Abtastrate von 48 kHz. Das ins Gehäuse platzierte Netzteil mit Netztrennschalter auf der Rückseite ist eine besondere Erwähnung wert. Die meisten Hersteller begnügen sich mit billigen Steckernetzteilen, die für ein paar Cent aus der Massenfertigung eingekauft werden.

Yamaha-Endstufe

Nicht gespart wurde zudem bei der Audioausstattung. So hat Noxon einen Digitalverstärker von Yamaha eingekauft, der es auf 2 x 10 Watt RMS an 8 Ohm bringen soll. Ohne zweiten Beistelllautsprecher gibt das iRadio 300 jedoch nur in mono wieder. Als Lautsprecher fungiert ein bei Mivoc eingekauftes 2-Wege-System mit einem Hauptkalotten-Durchmesser von immerhin 100 mm. Zusammen mit den recht feinfühlig aufeinander abgestimmten Equalizerprofilen findet sich für jegliches Musikmaterial eine geeignete Abstimmung. Der Frequenzgang reicht recht weit hinunter und der Übergang zwischen mittleren und hohen Tonlagen erscheint ausgesprochen harmonisch. Doch ein lebendiger Klang ergibt sich erstaunlicherweise immer erst bei höheren Lautstärkepegeln. Im Nebenbeibetrieb bei kleinen Lautstärken braucht man schon die Equalizerfarbe „Sprache“ um die Verständlichkeit auf ein brauchbares Niveau zu heben.

Im Klassenvergleich liegt das Noxon iRadio 300 zwar klar im oberen Drittel der Wettbewerber, wer bei den namentlich hervorgehobenen Zutaten wie Yamaha und Mivoc eine Klassenbestmarke erwartet hatte, wird sich wohl nicht bestätigt fühlen.

Fazit

Die Hardware ist nicht schlecht gemacht. Das Radio hinterlässt einen hochwertigen Eindruck und die Kombination aus Lautsprecher und Verstärker kann sich durchaus hören lassen. Die Steuer- und Verwaltungssoftware Noxon-Connect ist hingegen Müll. Selbst wenn sie funktionieren würde, kann man ihr Sicherheitslücken nachsagen. Wer die Software nicht zum Leben erwecken kann, hat Pech gehabt: Viele Funktionen können nicht genutzt werden und auf einen Support seitens des Herstellers darf man nicht hoffen. Nachdem die neuen iRadio-Modelle ein halbes Jahr auf dem Markt sind und die Software seit Ende März verfügbar ist, kann man hier nicht von einem Kavaliersdelikt sprechen.

So gesehen sind die 169 Euro, die man für das iRadio 300 berappen soll, wirklich kein Schnäppchen.

Steckbrief

  • WLAN-Internetradio, Netzwerk-Musikplayer
  • Audioformate/Musikplayer: MP3, WMA, AAC, AAC+
  • Musikplayer: UPnP/DLNA-konform
  • Radiodatenbank: vTuner
  • Anschlüsse: Ethernet (RJ45), Line-out (Klinke), Kopfhörer, ext. Lautsprecher, F-Buchse (WLAN-Antenne)
  • WLAN-Sicherheit: WEP, WPA/WPA2, WiFi Protected Setup (WPS)
  • WLAN-Adapter: 54 MBit, 802.11 b/g/n
  • Stromversorgung: eingebautes Netzteil
  • Stromverbrauch: 3,3 W (Betrieb), 1,7 W (Stand-by), 0 Watt (Off)
  • Abmessungen (B x H x T): 240 x 132 x143 mm Gewicht: 1,72 kg
  • Preis (UVP): 169,00 Euro

Mitglied seit

10 Jahre 1 Monat
Erstellt von Mario Gongolsky 26 Juli, 2011 - 12:33

Nachdem wir die Firma Terratec auf die Probleme mit der Verbindungssoftware hingewiesen haben, meldete sich nun ein Leser, der eine Softwareversion 1.1 heruntergeladen hat. Bei diesem Leser klappte die Verbindung zu den Noxon-Servern schließlich. 

Wir können das nun nicht mehr nachprüfen, weil wir das Testmuster an den Hersteller zurückgeschickt haben. Wer aktuell Erfahrungen mit der Software Noxon Connect gemacht hat, möge doch hier Kommentare dazu posten.