Outernet: Eine Web-Bibliothek aus dem Weltall

Outernet: Eine Web-Bibliothek aus dem Weltall

Ort/Quelle
Bonn

Ein interessantes Crowdfunding-Projekt aus den USA hat seine ersten Hürden genommen. Fast eine halbe Million Dollar Spenden wurden online eingesammelt, um die Idee einer satellitengestützten Bibliothek zu verwirklichen, mit der Internetzensur und das Risiko von Repression gegen Wissenshungrige ein Ende finden sollen. Zum Kreis der Unterstützer des so genannten „Outernet“ gehören auch die Deutsche Welle, Radio Netherlands Worldwide und die BBC.

Genau betrachtet ist nichts an der Outernet-Idee vollkommen neu: Daten über eine Rundfunkübertragung via Satellit zugänglich zu machen, wurde schon 2002 durch Astra mit ihrem Projekt Sat@Once realisiert. Mit dem Ziel „Radio to the People“ startete das Radio-Satelliten-System Worldspace ins All. Hier lautete die Mission Bildung, Kultur und Unterhaltung nach Afrika und Asien zu bringen. 

Outernet will mit seinem Satellitendownlink einen Mix aus Wissenstransfer und aktuellen Nachrichten anbieten, der von einem preisgünstigen Bodenterminal empfangen und zwischengespeichert wird. Die Daten sollen dann per WLAN auf Smartphones und webtaugliche Handys gelangen. Im Ergebnis erhält man auf diese Weise  einen – wenngleich eingeschränkten – Zugriff auf typische Internetinhalte, der jedoch unanfällig  gegen Internetzensur-Mechanismen ist. Ein weiterer Vorteil der „Einwegverbindung“ eines rundfunkartig ausgesendeten Daten-Karussells: Die Zugriffe auf die Informationen erfolgen völlig anonym, ohne Chance auf Rückverfolgung der Empfänger.

Die Öffentlichkeitsarbeit der gerade einmal fünf sichtbaren Projektverantwortlichen aus den USA und den Niederlanden ist exzellent gemacht: Kompakt zugespitzt, einfach und klar. Das Online-Fundraisung ist ein erster Erfolg der Bemühungen. Zwar ist man noch 9,5 Millionen Dollar weit davon entfernt das Projekt zu vollenden, konnte aber doch genug Geld einsammeln, um einen ersten Showcase zu realisieren, mit dem Ziel die technischen Komponenten des Systems praktisch zu erproben und potenziellen Investoren das System zeigen zu können. 

Politische Dimension

Es stimmt, dass 4,5 Milliarden Menschen auf unseren Globus nicht auf das Internet zugreifen können. Allerdings gilt es zu bedenken, dass 0,8 Milliarden Menschen weltweit nicht Lesen und Schreiben können. Schriftliche Inhalte helfen hier also nicht weiter. Für jene bietet Outernet Hörinhalte an. Alleine in Indien gibt es 285 Millionen Menschen, die auf solche Inhalte angewiesen sind. Eine gute Menüführung zu Bild- und Ton-Inhalten könnte hier die Nutzung der Outernetdienste erleichtern. 

Die Technik

 Lantern Blockschaltbild, Grafik: Outernet, CCWer einen Satellitenreceiver hat und seine Schüssel hierzulande auf den Eutelsat Hotbird auf 13° Ost ausrichtet, findet auf Transponder 14, 11471 MHz vertikal eine Infoseite. Hier können bereits Testausstrahlungen empfangen werden. Für Amerika ist der Galaxy-19 auf 97° West (TP.27 auf 12177 MHz v.) zuständig.

Der Plan sieht vor, eine Flotte von 24 Cubesats in einen erdnahen Orbit zu schießen, um alle Zielregionen erreichen zu können. Mit einer Flugbahn in rund 600 Kilometern Höhe können am Boden gute Feldstärken erzielt werden, zugleich sind die Satelliten aber hoch genug, um eine ausreichende Betriebsdauer zu erreichen. 

Ein erstes Stück Hardware hat Outernet ebenfalls bereits präsentiert. Die kleine gestellte Plastikdose mit Solarzellen drauf, nennt sich „Lantern“ und stellt einen kompletten Satreceiver mit WLAN-Hotspot dar. Die interne Antenne könnte die Signale der Outernet-Satelliten einfangen. Heute benötigt man für die geostationären Satsignale noch eine konventionelle Parabolantenne mit einem LNB, der mit Lantern verbunden wird. Der Empänger selbst arbeitet mit vier wiederaufladbaren AA-Standardbatterien und erlaubt zehn Stunden Sat-Empfang und vier Stunden Dauerbetrieb als WLAN-Hotspot. Über die Solarzellen können die Batterien wieder geladen werden. In seinem Inneren werkelt ein Basisbandmodul und ein Tunerchip, der einen Frequenzbereich zwischen 2 MHz und 1900 MHz abdeckt. Im Kern handelt es sich dabei um eine kostengünstige RTL-SDR-Lösung, wie wir Sie erst kürzlich an einem Noxon-DVB-T-Stick beschrieben haben. Die Outernet-eignen Kleinsatelliten werden im UHF-Frequenzbereich arbeiten. Das Lantern aber auch bis in den Kurzwellenbereich hinab nutzbar sind, folgt der Idee, einem Jamming von Satsignalen durch unterstützende KW-Datenaussendungen ein Schnippchen schlagen zu können.   

Einplatinencomputer Rasberry Pi B+, Foto: Lucasbosch CC BY-SA 3.0Auf der Steuerungsseite verrichtet ein ARM-Prozessor mit 800 MHz-Taktfrequenz seinen Dienst, stellt auf 512k Dienstsoftware und Betriebssystem bereit, steuert das WLAN-Modul und speichert Daten optional auf einer SD-Karte zwischen. Tüftler in aller Welt sind nun aufgerufen, solche Lantern-Empfänger zu bauen. Die Schaltungsdetails und die Software  liegen offen. Der Softwarestand kann über Github begutachtet werden. Hier stehen der Archivmanager und der Empfangsagent für das Outernet zur Verfügung. Neben Lantern gibt es Layouts, um die beliebten „Rasberry Pi“-Einplatinencomputer zusammen mit einer Satellitenantenne und einem DVB S-USB-Stick für den Outernetempfang nutzbar zu machen.

Das nächstes großes Hardwareziel ist eine Dorf-Station. Das ist eine größere solarbetriebene Empfangsstation mit leistungsstarkem WLAN-Modul, die in der Mitte einer Siedlung aufgestellt, eine ganze lokale Community mit Inhalten versorgen kann.

Möglichkeiten und Grenzen des Projekts

Vom Standpunkt 2015 aus betrachtet, stellt das Anzeigegerät mit WLAN noch ein Problem dar. In Afrika jedenfalls gibt es in den urbanen Regionen einen ungeheuren Boom für die Mobilfunkkommunikation. Doch spielt sich das „mobile Internet“ derzeit noch vorwiegend auf WAP oder webfähigen Mobiltelefonen im typischen Telefonformat ab. Weil das Outernet heute nicht viel mehr als ein Systementwurf ist, könnte das Timing dennoch richtig sein. In fünf Jahren werden billige Smartphones das Mobiltelefon wahrscheinlich  abgelöst haben und der Nutzung des Outernet den Boden bereiten. 

Es bleibt aber dabei, dass die technische Infrastruktur, um Outernet zu nutzen – also Outernet-Empfänger plus WLAN-Anzeigegerät - noch sehr weit weg von unterpriveligierten und von Armut betroffenen Weltregionen ist. Hier ist das Radio unverändert im Vorteil.

Ein weiteres Problem ist die Sprachenvielfalt der Welt. Demnächst kann man im Outernet 10 MB Daten pro Tag empfangen. Das Ziel sind 100 MB pro Tag, wenn die Kleinsatalliten in Betrieb sind. Doch um die Inhalte in lokale Sprachen herunter zu brechen, könnte selbst das eher zu wenig sein.  

Outernet ist dennoch ein pfiffiges Projekt. Das Ziel 4,5 Milliarden Menschen mit dem Wissen der Welt zu verbinden, ist sicher selbst bei einem optimalen Projektverlauf zu hoch gegriffen. Das System kann in erster Linie Menschen Nutzen bringen, die Internetzensur und Verfolgung bei der Befriedigung ihres Informationsbedürfnisses umgehen wollen. Hierfür ist es wertvoll und passt gut in unsere Zeit. Um Wissen und Bildung zu den Ärmsten der Welt zu bringen, wird das Outernet wohl nur im Rahmen von Hilfsprojekten regional und inselartig wirken können. Selbst dies ist keine generelle Kritik. In Sambia bietet beispielsweise der Infodienst „Zambia U Report“ Aufklärung  rund um AIDS per SMS, während das Farm Radio Tipps zur effektiven Landbewirtschaftung bietet. Verglichen zu solchen lobenswerten Projekten könnte das Outernet potenziell weit mehr Menschen mit solchen Informationen erreichen. Grund genug also, das Projekt im Auge zu behalten.